Rostocker Kinder-Uni: Meeresforscher berichten von Reise an den Nordpol

Bevor es an der Rostocker Kinder-Uni in die Semesterferien ging, haben der Meeresphysiker Volker Mohrholz und der Ingenieur Ingo Schuffenhauer vom Leibniz-Institut für Ostseeforschung über die Arktisexpedition auf dem Forschungsschiff „Polarstern“ berichtet. Ihre Erkenntnisse sind alarmierend.

Kröpeliner-Tor-Vorstadt. Sie trotzten zweistelligen Minusgraden, lebten wochenlang in Dunkelheit, setzten sich Gefahren aus, erlebten Extreme – aber auch „Momente unglaublicher Schönheit“, sagen Volker Mohrholz und Ingo Schuffenhauer vom Leibniz-Institut für Ostseeforschung. Das Duo war Teil der wohl spektakulärsten und größten Polarexpedition der Moderne. Unter dem Namen „Mosaic“ trieb das Expeditionsschiff „Polarstern“ ein Jahr durch das Nördliche Polarmeer – angedockt an eine gewaltige Eisscholle.

Seit fast einem Jahr sind der Meeresforscher und der Ingenieur nun zurück auf europäischem Festland. Neben einzigartigen Erinnerungen brachten sie wertvolle und auch bedenkliche Daten und Erkenntnisse mit. In der Rostocker Kinder-Uni haben sie am Mittwoch über ihre Abenteuer, das unendliche Eis, den Klimawandel und schwimmende Eisbären berichtet.

Zwar waren Forscher schon oft zu Gast in der Kinder-Uni, aber noch nie kamen sie vom Nordpol, brachten Wasser aus dem Polarmeer mit oder sahen Eisbären in freier Wildnis. Ingo Schuffenhauer und Volker Mohrholz erzählten den Nachwuchsstudierenden von der Technik an Bord, von den Bedingungen, der atemberaubenden Landschaft, den Eisbären und Eisbärenbabys. Sie waren an einem Ort, an dem Menschen nur unter großer Anstrengung hingelangen. Erstmals gelang es dem berühmten Norweger Fridtjof Nansen vor 125 Jahren. Auch er ließ sein Schiff einfrieren und driftete durch das eiskalte Meer.

„Wir haben Großartiges erlebt und leider auch Bedenkliches. Ja, es gibt Probleme“, gibt Mohrholz den Fahrplan vor. Als er von der einmaligen Chance erfuhr, Teil des Teams zu werden, sagte er kurzerhand eine Expedition in Peru ab. „Das ist ein Once in a Lifetime Event, eine einmalige Chance“, sagt der Wissenschaftler.

In Expeditionskluft und Eisbärkostüm stehen die Expediteure zunächst vor den Kameras der Kinder-Uni. Leider kann die kindgerechte Vorlesung noch immer nicht im Hörsaal stattfinden. So streamen sich die Forscher mit ihren Bildern und Karten in die Kinderzimmer der Stadt. Und erklären, was ein Meeresforscher überhaupt macht und warum es wichtig ist, in der Arktis neue Daten zu sammeln.

„Wir stellen uns die Frage, wie sich das Meer verändert, ob es vielleicht selbst zum Klimawandel beiträgt. Deshalb brauchen wir diese wichtige Expedition, auch wenn Nansen schon da war“, sagt Mohrholz. Er dreht einen Globus, mehr als 70 Prozent der Erdoberfläche sind mit Wasser bedeckt. An der Leinwand sehen die Kinder rote und blaue Schnüre auf der Weltkarte, „die globalen Förderbänder“, wie die Forscher sagen. Gemeint sind die warmen und kalten Meeresströmungen. Sie machen unser Klima.

Nachdem Mohrholz und Schuffenhauer erklärt haben, warum Eis und Wüste die Erde zieren, warum es am Nordpol eiskalt und am Äquator hundewarm ist, wagen sie ein Experiment. In ein mit Süßwasser gefülltes Aquarium geben sie dunkelgrün eingefärbtes Salzwasser. Der Effekt: Das Salzwasser sinkt hinab, es ist schwerer, hat eine höhere Dichte. Gleiches haben die Experten auf der Expedition beobachtet. Mit einer Spezialsonde machten sie Messungen, unter der Eisschicht und in den Tiefen des Polarmeeres. „Es war ein unglaublicher Gedanke, auf einer zwei Meter dicken Eisschicht zu stehen, während unter uns ein vier Kilometer tiefer Ozean lag“, erinnert sich Mohrholz.

Was die Kinder vor der Sommerpause von den Meeresforschern lernen: Die Arktis verändert sich. Erste Befunde der Expedition sind alarmierend. Mohrholz erklärt, dass es am Nordpol sehr viel wärmer ist als noch vor 100 Jahren. Das zeigen Temperaturmessungen und Vergleiche mit den Befunden vor vielen Jahren. „Das Eis ist außerdem viel dünner, es bedeckt weniger Fläche.“ Auf der Expedition fanden die Forscher kaum Eis, das älter war als zwei Jahre.

Das hat Folgen: Für Eisbären zum Beispiel schrumpft der Lebensraum. Und auch wir Menschen sind betroffen. Mohrholz und Schuffenhauer appellieren: „Wir sind Teil der Natur und müssen mit ihr im Einklang leben.“ Sie zeigen Bilder und Videoaufnahmen von Eisbären, reden behutsam über die imposanten Tiere, zeigen Respekt, betonen immer wieder, dass sie Gast in deren Territorium waren, nicht andersrum.  

Bis alle Daten der Expedition ausgewertet sind, wird es noch einige Jahre dauern. Viele ineinandergreifende Einzelprozesse des Klimasystems werden haargenau analysiert, um alle Zusammenhänge genau verstehen zu können. Zehntausende Proben hat das Forschungsteam in der Arktis gesammelt – von Eis, Wasser und Luft. Noch nie wurde die Arktis so genau studiert.

Wer die Bilder der Expedition sieht und versteht, wie fragil und erstaunlich die Erde ist, weiß: Es muss etwas getan werden. Schnellstmöglich. Die Mitarbeiter des IOW rufen die Kinder und Eltern auf, gemeinsam über den Schutz der Erde nachzudenken. Was können wir tun?

Nach der Sommerpause geht es am 22. September zum Thema Kinderrechte weiter. Im Wahlmonat wird Professor Brachmann von der Uni Rostock unter anderem erörtern, was Rechte für Kinder bedeuten und warum sie nicht im Grundgesetz verankert sind.

(Text: Lea-Marie Kenzler, Foto: Robert Leppin)

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