Plötzlich lebt eine der Figuren

Zur Kinder-Uni von OSTSEE-ZEITUNG und Universität stellte Bildhauer Wolfgang Friedrich seine Arbeit vor

Kröpeliner-Tor-Vorstadt. Ein Nachmittag voller Aha-Effekte und Überraschungen: Die erste Kinder-Uni im neuen Semester hat Antike und Moderne vereint. Zunächst trumpft Bildhauer Wolfgang Friedrich bei den Kindern und ihren Begleitern mit mitgebrachten Figuren und spannenden Erzählungen seiner Arbeit auf. Er fertigt Figuren, die manchmal über zwei Meter groß werden, aber auch ganz kleine, wie die auf dem Schachbrett, an dem „Milaneos“ und „Timoteus“ sitzen und ein echtes Spiel absolvieren. „Die Griechen gegen die Perser, alles ist aus meinem Guss“, sagt der 68-jährige Künstler. Um 450 vor Christus spiele das Szenario.

Dann erklärt Wolfgang Friedrich, dass er viel mit Wachs und Gips arbeitet. Etwas, das viel Staub mache. „Aber was ist eigentlich Schmutz, also im wissenschaftlichen Sinne?“, fragt er die Kinder. Die ersten melden sich ganz wild. „Na Dreck“, rufen ihm einige aus den Saalreihen zu. Er muss schmunzeln. Und erklärt seine Sicht: „Schmutz ist eine Bakterie am falschen Ort.“ Aha.

Auf einem Bild vorn auf der großen Leinwand ploppt schließlich ein Brunnen auf. Der Umgangs-Brunnen in Warnemünde. Der mit den vielen kleinen Figuren darauf. „Und sind die schwer?“, will ein Junge wissen. „Nun ja, sie sind nicht leicht. Sie sind so schwer, dass es bisher auch noch keiner versucht hat, sie zu stehlen“, sagt er über sein Werk. Etliche Kinder bekunden aufgeregt, dass sie an diesem schon mal vorbeispaziert seien. Leonie Herzig (12) zum Beispiel. Sie ist mit Mama Claudia und der kleinen Schwester Anni schon mehrfach als Zuschauerin im Audimax auf dem Campus Ulmenstraße dabei gewesen. Die siebenjährige Anni findet es ganz spannend, wie die Figuren am Brunnen entstanden sind.

Dafür kommt der Bronzeguss zum Einsatz, erklärt der Bildhauer. Natürlich modelliere er zunächst den Entwurf, bevor der Körper im Brennofen – teilweise über mehrere Tage bei 600 Grad Celsius – entsteht. „Ja und meistens bleibt im Schmelztiegel beim Bronzeguss etwas übrig“, sagt Friedrich. Er hebt ein Gebilde hoch, das wie eine Halbkugel mit einer langen seitlichen Rutsche aussieht. Er drapiert es auf einem roten Gestein. „Was könnte das nun darstellen?“ Die Arme schießen nach oben. „Das sieht aus wie eine Frau“, findet eine Junge in der vorderen Reihe. Aha. So habe der Bildhauer selbst das noch nie gesehen. Weiter. Der Nächste meint, das stelle einen Vogel dar, der etwas esse. „Oder das sieht aus wie etwas Neues, wie ein Ding eben“, meint ein Dritter, und alle müssen lachen über die ulkige Antwort. Doch dann naht die Auflösung, als einer sagt: „Sieht aus wie ein Rittervisier.“ Aha, ja, in die Ritterrichtung geht es. Die Vorstellung von Friedrich ist nämlich der Helmkopf eines Ritters. Was die Kinder daraus lernen sollen: „Sammelt immer mal wieder verschiedene Steine und stellt sie zu Gebilden zusammen, die dann ein neues ergeben“, rät der Dozent.

Bevor es um moderne Glocken geht, lugt Friedrich den Schachspielern noch mal über die Schulter. Sie spielen weiterhin konzentriert auf dem Brett, das der Basis einer Pyramide ähnelt und in der Mitte etwas eingesunken ist. Gestolpert ist aber noch keine Figur. „Hmm, das Ganze sieht nach einem Unentschieden aus“, meint der Antikeexperte.

Auch etwas, das die meisten Rostocker und Besucher regelmäßig in der Nähe des Marktes hören, trägt seine Handschrift: die Betglocke der Sankt-Marien-Kirche. „Die haben wir in einer Gießerei in Karlsruhe fertiggemacht“, erzählt der gebürtige Sachse. Zwei bis drei Tonnen Bronze werden dort dafür geschmolzen. „Das ist sehr viel.“

Gustav Kringel (8) ist beeindruckt. „Ich kenne die Metis-Figur im Uni-Hauptgebäude, wusste aber nicht, dass die von ihm ist.“ Seine Augen und die der anderen Kinder-Uni-Teilnehmer werden noch größer, als plötzlich eine Figur von Friedrich als lebendes Objekt hereinkommt: Der Spielmann Michael Tryanowski (95) gibt auf seinem Akkordeon ein Ständchen. Die Knirpse bejubeln ihn minutenlang. Eine tolle Überraschung!


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Tim „Timoteus“ Beuermann (22, l.) und Milan „Milaneos“ Kästner (13) spielen in der Kinder-Uni Schach mit historischen Figuren. (Foto: Ove Arscholl)



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