Forscher suchen Schätze in der Tonne

Bei der Kinder-Uni geht es am nächsten Mittwoch um den Müll: Wo er landet und warum manches verschwindet, was Gold wert ist.

Kröpeliner-Tor-Vorstadt (OZ) - Als Müll-Experte geht Dr. Gert Morscheck mit anderen Augen durch die Stadt. „Ich sehe ihn überall“, sagt der 51-Jährige. Manchmal kann das von Vorteil sein, denn im Müll hat der Diplomingenieur schon einige Schätze entdeckt — zum Beispiel die meisten seine Pflanzen. Wenn er sie verdorrt oder ertrunken am Straßenrand findet, „dann haben sie schon so viel durch, dass sie auch bei mir gedeihen“, sagt er und lacht. Manchmal macht ihn der Müll aber auch wütend. „Dass sich die Menschen einfach keinen Kopf darum machen.“ Was vielleicht auch daran liegt, dass die meisten Wegwerfer weder wissen, wo ihr Müll landet, noch, was er wert ist. Höchste Zeit also, dass Morscheck und seine Kollegin Stephanie Nelles (44) vom Institut für Umweltingenieurwesen an der Uni Rostock Licht ins Abfall-Dunkel bringen. Wer zur nächsten Kinder-Uni am kommenden Mittwoch um 16 Uhr ins Audimax kommt, kann mit den beiden auf eine spannende Spurensuche gehen.
Mit von der Partie ist auch die Stadtentsorgung, die zeigen wird, wie viele Tonnen jeder einzelne Rostocker pro Jahr füllt — mit Essensresten, Papier, Glas oder Restmüll. Wobei die schwarze Tonne für letzteren eigentlich fast leer sein müsste — wenn die Rostocker gute Mülltrenner wären. „Dann bleibt nämlich gar nicht viel übrig“, sagt Morscheck. Bei ihm und seiner Familie nur ein paar Handvoll pro Woche.

Sie habe das Trennen auch erst lernen müssen, gibt Stephanie Nelles zu. In den 80er Jahren hätten mal Studenten im Hof ihres Wohnheimes in Berlin bunte Tonnen aufgestellt — mit der Bitte, den Müll feinsäuberlich zu sortieren. „Aber wer wollte schon mehrere Behälter in seinem kleinen Zimmer aufstellen, wenn es im Hof einen Container für alles gibt“, sagt die Sozialpädagogin. Jahre später hörte sie noch einmal von dem Projekt, als ihr Mann — heute Professor für Abfallwirtschaft in Rostock — aus seiner Studentenzeit erzählte. Und auf dieses Wohnheim schimpfte, in dem einfach keiner den guten Müllratschlägen folgen wollte.

Nelles Sohn Tom hat dafür schon früh von seinen Eltern gelernt, was sich gehört. „Er will im Lindenpark jedes Tempotaschentuch aufheben und zum Papierkorb tragen“, sagt Nelles und lacht. „Heute wird man dafür ausgelacht“, bedauert Morscheck. Zu seiner Schülerzeit gab‘s dagegen fürs Müllsammeln noch Geld. 15 Pfennig für ein Kilo Papier — mit drei Kilo hatte er das Taschengeld für eine Woche zusammen.

In China — wohin die Rostocker Forscher enge Kontakte haben — verdienen viele Menschen so ihren Lebensunterhalt. „Wenn ich da den Müllsack runtergebracht habe, war er im Nu fast leer“, bestätigt Nelles, die mal für drei Monate in China lebte. Auch die Rostocker wüssten schon einiges mit ihrem Müll anzufangen, meint Morscheck. Doch noch lande viel zu viel in den Tonnen, was schon in einigen Jahren Gold wert sei. „Unsere Nachkommen werden sagen: Seid ihr wahnsinnig, das habt ihr weggeworfen?“ Da wäre es doch besser, wenn die Kinder-Uni-Studenten vorher ein paar Schätze retten könnten . . .

(Text: Anne Schemann)

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