„Kinderrechte müssen ins Grundgesetz!“

Kinder-Uni startet mit ernstem Thema in das Wintersemester. Professor Jens Brachmann sprach über Kindheit, Rechte der Kinder und darüber, was sich ändern muss.

Kröpeliner-Tor-Vorstadt. Das Recht, eine Vorlesung als Allererste wieder live im Audimax zu erleben, hatten die Kinder der Rostocker Kinder-Uni am Mittwochnachmittag – und eröffneten damit das Wintersemester der Hochschule. „Das ist schon etwas Besonderes“, betont Rektor Wolfgang Schareck, der aufgrund des fast feierlichen Anlasses mit Rektorkette geschmückt erschien.

Auch die jungen Studierenden freuen sich, die Vorlesung „in echt“ verfolgen zu können und nicht vor dem Laptop sitzen zu müssen, wie der neunjährige Max freudestrahlend sagt. Rund 35 Zuhörer sind gekommen. Darunter auch die siebenjährige Charlotte: „Ich freue mich auf die ganze Kinder-Uni. Jetzt bin ich sehr gespannt darauf, was für Rechte ich habe.“

Ja, Professor Jens Brachmann wird den jungen Studierenden die Kinderrechte näher bringen. Doch zuvor will er erst mal erklären, was er als Bildungshistoriker eigentlich macht: „Ich beschäftige mich mit der Geschichte von Erziehung, Bildung, Schule und Kindheit. Dafür lese ich viele alte Bücher, wie dieses hier“, erklärt der Professor und zeigt den Kindern das älteste Lexikon, dass es über Erziehung gibt: „Von 1774 ist das.“ Unter dem Begriff „Rute“ ist da zum Beispiel zu lesen: beste Art der Bestrafung für Kinder. „Da hat sich also in den letzten 250 Jahren einiges verändert“, sagt Brachmann.

Wie sich etwas im Laufe der Zeit entwickelt hat, dem gehen dann die Bildungshistoriker nach und stellen sich Fragen. Eine davon ist: Gab es Kindheit schon immer? Die Antwort des Professors überrascht: „Kindheit gibt es noch gar nicht so lange, sie wurde praktisch erst durch moderne Familienformen und die Schule erfunden.“ Aber Moment, wie kann es Kinder ohne Kindheit geben? „Früher durften sie meist nicht zur Schule gehen, sondern mussten zum Beispiel auf den Feldern arbeiten“, erklärt Brachmann seinem aufmerksam zuhörenden Publikum.

Heute haben Kinder das Recht zur Schule zu gehen – so steht es in der UN-Kinderrechtskonvention. 1989 wurde die von den Vereinten Nationen, also einem Bund aus aktuell 193 Ländern dieser Welt, angenommen. „Viele weitere Rechte sind da aufgeführt“, wie Brachmann erzählt und verrät: „Kinder haben auch ein Recht auf Privatsphäre. Ihr dürft also Geheimnisse haben.“ Ob die jungen Zuhörer auch wissen, wann es in Deutschland verboten wurde, Kinder zu schlagen? In der Bundesrepublik erst 1983, lautet die Antwort des Bildungshistorikers.

„Leider bedeutet die Kinderrechtskonvention nicht, dass Kinder überall auf der Welt die Rechte bekommen“, sagt Brachmann: „43 Prozent der weltweiten Kinder haben keine Geburtsurkunde, genauso viele leben ohne Zugang zu sauberen Toiletten, 12 Prozent von ihnen leiden an Hunger, 11 Prozent haben nicht mal sauberes Wasser, 10 Prozent dürfen auch weiterhin nicht zur Schule.“

In Deutschland sind die wichtigsten Rechte für alle im Grundgesetz festgehalten, wie der Dozent erklärt. Da möge man doch annehmen, dass auch die Kinder berücksichtigt werden? „Tatsächlich nur an zwei Stellen: An der einen geht es eher um die Eltern, an der anderen heißt es, dass das Schulwesen unter der Aufsicht des Staates steht.“ Und worauf möchte Brachmann damit hinaus: „Deutschland hat die Kinderrechtskonvention zwar anerkannt, sie aber nicht in unserem höchsten Gesetz verankert.“

Ob das ein Problem ist? Brachmann erklärt es an einem aktuellen Beispiel: „Die Schulschließungen in der Pandemie wären nicht so einfach gewesen, wenn das Recht auf Bildung im Grundgesetz stehen würde. Dann hätte man nämlich zuerst vor das höchste Gericht des Landes, das Verfassungsgericht, gehen müssen. Und das hätte dann entschieden.“

Und auf noch ein Recht möchte der Professor die Kinder aufmerksam machen: das Recht auf Meinungsfreiheit und Mitgestaltung. „Habt ihr denn das Recht auf Mitsprache?“, fragt er und spielt damit auf die bevorstehenden Wahlen an. „Da nicht, aber wir dürfen bei der Schulgestaltung mitsprechen“, sagt ein Mädchen. „Richtig“, antwortet Brachmann. Auch Kinder- und Schülerparlamente, Demonstrationen oder die Medien seien eine Möglichkeit, um die Meinung zu äußern.

Mit der eindringlichen Botschaft an seine Zuhörer, dass Kinder und ihre Rechte mehr berücksichtigt werden müssen und sie sich selbst dafür stark machen sollten, schließt Brachmann die erste Vorlesung des Semesters. Belohnt wird er mit Unitypischem, lautstarkem Klopfen – das haben die jungen Studierenden nicht verlernt.

(Text: Maria Lentz, Foto: Ove Arscholl)

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