Kinder singen zur Musik eines Genies

Besuch bei Bach: In Rostocks Audimax lernen Kinder den Superstar der Musikgeschichte kennen

Kröpeliner-Tor-Vorstadt. Am liebsten hört Janne die Hits der Pop-Rock-Band U2. Doch was eines der größten Genies der Musikgeschichte vor 300 Jahren komponiert hat, kann sich auch hören lassen, findet der Achtjährige. „Mir gefällt's richtig gut.“

Janne sitzt mit Dutzenden Jungs und Mädchen zusammen in Rostocks Audimax. Hier gibt bei der Kinder-Uni ein berühmter Mann den Ton an: Johann Sebastian Bach. Anekdoten aus dem Leben des Komponisten und seine populärsten Stücke hat Markus Johannes Langer den Nachwuchs-Studenten mitgebracht.

Normalerweise leitet Langer an Rostocks St.-Johannis-Kirche eine der größten Kantoreien Norddeutschlands. Heute ist er Dozent und angesichts des gut gefüllten Hörsaals „ein bisschen aufgeregt“, wie er gesteht. Zum Glück hat er sich Verstärkung mitgebracht: Zwei Kinderchöre, die große und die kleine Kurrende, stimmen das Publikum auf die Vorlesung ein.

Bei Julia (8) kommt das gut an. „Ich mag es, wenn Kinder zeigen, was sie können.“ Sie ist mit ihren Freunden vom Hort „John Brinckman“ hier. Sophie-Mareen zum Beispiel. „Ich höre am liebsten Schlager“, verrät die Achtjährige. Wie sich Bachs Musik anhört, davon „will ich mich überraschen lassen“, sagt sie und ist gespannt, was sie als nächstes zu hören bekommt.

Beim bloßen Lauschen bleibt es nicht. Beim nächsten Titel sollen die Kinder mithelfen. Während der Chor die Strophen singen, rollt das Publikum mit seinem „Kinder-Uni, Kinder-Uni“-Gesang den Klangteppich aus.

Als im Hörsaal wieder Ruhe einkehrt, erzählt Markus Johannes Langer aus Bachs Leben. Zum Beispiel, wie dieser als Junge nachts die Noten aus dem Schrank seines großen Bruders stibitzte, um sie abzuschreiben und zu studieren. („Meine Schüler machen sowas mit sem Smartphone“, witzelt Langer.) Oder wie sein Dickkopf Bach einst hinter Gittern brachte: Weil er sich weigert, Musik für seinen Weimarer Dienstherren Herzog Wilhelm Ernst zu komponieren, lässt dieser ihn ins Gefängnis werfen. Bei Wasser und Brot vertreibt sich Bach die Zeit mit Musik und arbeitet an einem seiner wohl bekanntesten Stücke, dem „Wohltemperierten Klavier“.

Dieses und weitere Meisterwerke kennt Kalle schon. „Wir haben Bach gerade in der Schule“, sagt der Achtjährige, der die Vorlesung zusammen mit seiner Oma besucht. Klassische Instrumentalmusik hört sich Kalle gerne an. „Aber viel lieber spiel' ich selber.“ Im Gegensatz zu Bach, der als begnadeter Orgel- und Cembalospieler galt, hat es Kalle aber ein Blasinstrument angetan. „Ich spiele Saxophon“, erzählt er stolz.

Bach hat der Welt mehr als 1100 Werke hinterlassen, verschollene nicht mitgerechnet. Und er ist ein echter Superstar. Noch heute ist Bach einer der meistgespielten Komponisten der Welt. Dass Bach und Co. durchaus modern klingen können, beweist David Garrett: Der Star-Geiger interpretiert Meisterwerke großer Komponisten neu und füllt mit seinem Crossover aus Klassik und Rock die Konzerthallen der Republik. Bach-Werke finden sich neu abgemischt in etlichen Songs wieder. 1997 hat „Sweetbox“ Bach's „Air“ aus der 3. Orchestersuite in der Popballade „Everything's gonna be alright“ verwendet und damit weltweit Charterfolge gefeiert.

Mit der „Air“-Melodie ist der bristischen Band Procul Harum schon 30 Jahre zuvor ein Welthit geglückt: „A Whiter Shade of Pale“. Diesen Titel spielt Markus Johannes Langer den Kinder-Uni-Gasthörern vor. „Ob Bach das wohl gefallen hätte?“ Janne jedenfalls findet’s nicht schlecht – auch wenn U2 ihm wohl lieber wäre. Eines steht nach der Vorlesung für den Jungen fest: „Bei der nächsten Kinder-Uni bin ich wieder dabei.“

(Text: Antje Bernstein, Foto: Ove Arscholl)

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