Kinder-Uni flog durch die Zeit

von Anne Schemann

Kröpeliner-Tor-Vorstadt - Das Unbehagen steht Louis (7) ins Gesicht geschrieben, als er fürs Foto in das Kleid seiner Schwester schlüpft. „So was würde ich sonst nie anziehen“, betont er sicherheitshalber nebenbei. Und warum nicht? Da muss Louis nicht lange überlegen: „Weil Jungs in Hosen cooler aussehen.“ Hätte Annelen Karge (49) vom Kulturhistorischen Museum die Frage, warum Mädchen Röcke und Jungs Hosen tragen, genauso beantwortet, wäre es die kürzeste Kinder-Uni-Vorlesung der Geschichte geworden.
Doch schon die Studenten sind bei diesem Thema alles andere als einer Meinung. „Mädchensachen, Jungssachen, das ist doch Quatsch“, findet beispielsweise Zweitklässler Maarten. Und verrät — wie zum Beweis — gleich noch: „Rosa und violett sind meine absoluten Lieblingsfarben.“ Dennoch sind für Nouria (8) gerade die Farben das Problem. Röcke seien ja meistens rosa — und das passe eben nur zu Mädchen, erklärt sie. Wenn Jungs aber blaue Röcke tragen würden, „dann fände ich das ein bisschen gut“. Die meisten anderen Kinder finden es eher ein bisschen gewöhnungsbedürftig, als der Kinder-Uni-Moderator im dunklen Rock auftaucht. Lautes Getuschel in den Reihen, bis einer es laut herausruft: „Der Mann trägt einen Rock!“ Zeit für lange Diskussionen bleibt dann aber nicht, denn Annelen Karge schmeißt die Zeitmaschine an. Die Antwort auf ihre Frage finde sich in einem „Früher“, an das sich kein Mensch auf dieser Erde mehr erinnern könne, erklärt sie. „Also müssen wir uns das selber mal angucken.“ Mucksmäuschenstill wird es im Hörsaal, als die Museums-Mitarbeiterin die Spielregeln erklärt: „Gerade hinsetzen, Hände vor die Augen und ganz wichtig: Gleichmäßig atmen.“ Schließlich fliege der Hörsaal unheimlich schnell durch die Jahrhunderte. Tick-tack, tick-tack. In ein Rostock, das zwar schon ein Kröpeliner Tor hat „und die dicke fette Marienkirche“, aber dazwischen kaum wieder zu erkennen ist. Statt Straßen nur Sand und nachts wird es stockfinster. Die Zeitmaschine hört auf zu ticken. „Willkommen vor dreihundert Jahren“, sagt Annelen Karge. Und auf der großen Leinwand erscheinen Amalie und Nikolaus.

Nein, nicht der mit den Süßigkeiten im Dezember — „das war damals ein ganz normaler Name“, erklärt die Zeitreise-Führerin. Gleiches galt natürlich für die Kleidung, die auf den ersten Blick auch noch ganz hübsch aussieht. Als Annelen Karge allerdings das Korsett hervorholt, in dem Amalie so eingeschnürt ist, dass sie kaum laufen kann, sind die meisten Studenten doch erleichtert, als es wieder in die Zeitmaschine geht. Tick-tack, tick-tack.

100 Jahre später gibt es immerhin die erste Kinderkleidung. Und die Studenten lernen Berta und Wilhelm kennen. Wilhelms Anzug sitzt deutlich lockerer und Berta muss auch kein Korsett mehr unter ihrem Kleid tragen. Dafür sechs andere Sachen vom Leibchen bis zur Strumpfhose. „Und das Unterhemd trägt sie eine Woche lang“, verrät Annelen Karge. Genauso erstaunt wie ihre Zuhörer über diese Nachricht, sind Berta und Wilhelm über die vielen Mädchen in Hosen. „Das haben sie vorher noch nie gesehen.“ Denn im Rostock dieser Zeit gingen nur die Männer arbeiten. „Sie mussten in der Werkstatt arbeiten und reiten — da hätte man sich im Rock ja verheddert.“ Deshalb sei bei dem Spruch „Wer hat die Hosen an?“ auch nach dem Chef im Haus gefragt, erklärt Annelen Karge. „Mama!“, „Papa!“, schallt es prompt wild durcheinander. „Genau“, sagt Annelen Karge.

„Heute können beide Chef sein.“ Da gab es neben dem Semesterende gleich doppelt Grund, die Landung im Rostock von Heute zu feiern.

 

Anne Schemann

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